Textatelier
BLOG vom: 01.10.2009

Axalp BE: Auf der Spur einer uralten Sennhütte mit Melkstand

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
„Ds Oberland, ja ds Oberland, ds Bärner Oberland isch schön“, singen wir Schweizer in einem altbewährten Volkslied, das von der Suche nach dem Vogellisi (Vogu-Lisi) erzählt. Die Schönheit des Berner Oberlands bezieht sich nicht allein auf die landschaftliche Pracht (abgesehen von kanalisierten Gewässern), sondern es ist auch ein Juwel der bäuerlichen Baukunst und der Bauernkultur im umfassenden Sinne. Zu all dem Überfluss kommt der Umstand, dass dort, in der Nähe von Brienz bzw. Brienzwiler, das Ballenberg-Freilichtmuseum eingerichtet wurde. Es fusst auf dem Hügel, der den Brienzersee ins Oberhaslital nach Osten fortsetzt, dem Aarelauf folgend. Dort sind starke Leistungen der schweizerischen Bauernhauskultur mit bäuerlichem Handwerk und Hoftieren belebt.
 
Zu dieser Ansammlung von Bauten, die aus der ganzen Schweiz hierhin verstellt wurden und die ich im Blog vom 28.09.2009 beschrieben habe, gehört die Sennhütte von der Axalp (gehört wie der Ballenberg zur Gemeinde Brienz BE), die sich seit 1520 ganz gegen Wind und Wetter behaupten konnte. Dieses Alpgebäude „Litschentellti“ gehört zu den ältesten Bauwerken dieser Gattung der Schweiz; die meisten anderen wurden vom Zahn der Zeit zernagt.
 
Der Typ dieser Sennhütte mit nur einem einzigen Raum war im Berner Oberland weit verbreitet; allein auf der Wengenalp soll es Anfang des 19. Jahrhunderts 20 Exemplare davon gegeben haben, wie dem „Museumsführer Ballenberg“ zu entnehmen ist. Das Regionalspezifische und Charakteristische dieser Einraumhäuser ist der Melkstand unter dem Vorgiebel, der fast an ein Vorzeichen erinnert, also an die Vorhalle des Kircheneingangs. Wie die Gläubigen, die hintereinander den Heiligtümern zustrebten, liess der Senn jeweils eine Kuh nach der anderen in den Melkstand eintreten, nahm ihr die Milch weg und liess sie auf der anderen Seite gleich wieder auf die Weide, der Grundlage für die weitere Milchproduktion. So glimpflich kommen, jedenfalls was die zeitliche Dauer anbelangt, keine Kirchenbesucher davon, auch wenn man ihnen allenfalls vorhandene Milch belässt; Gläubige werden auf andere Weise gemolken.
 
Die Idee mit dem Melkstand ist in ihrer Einfachheit überzeugend: Unter einem schützenden Vordach steht die Kuh ruhig, der Senn melkt und trägt den vollen Milcheimer in die Sennhütte zum Käsekessel. Dort drinnen findet das Ritual des Alpkäsens statt. Dazu braucht es eine offene Feuerstelle mit dem Turner, einer galgenartigen Vorrichtung zum Aufhängen und Verschieben des Käsekessis. Hinzu kommen noch ein paar Geräte zum Käsen wie ein Molkentrog und ein Spaltklotz, der zum Zerkleinern von Holz wie auch als Tisch dienen kann. Über eine einfache Leiter konnte der Senn sein Nachtlager erreichen, das sich im Vorgiebel über dem Melkstand befand.
 
Auf der Alp Litschentellti standen 2 ähnliche Sennhütten: ein Kantholzblockbau von 1501 und ein Rundholzbau von 1520. Das ältere Gebäude wurde an Ort und Stelle restauriert, das 19 Jahre jüngere aufs Ballenberg-Gelände verschoben.
 
Fahrt auf die Axalp
Nach unserem Besuch auf dem Ballenberg vom 21.09.2009 fasste ich auf dem Rückweg zum Hotel Giessbach oberhalb des Südostendes des Brienzersees (die einspurige, mit Schlaglöchern versehene Strasse ist in der Talebene bei Kienholz gut ausgeschildert) den Entschluss, direkt auf die Axalp zu fahren und dort den frühen Abend zu geniessen. Wir nahmen also in der Engi die Abzweigung zum Giessbach und den Brienzerberg hinauf, die Abzweigung zum Grandhotel rechts liegen lassend. Die Stationen am Brienzerberg sind Flielti, Bramisegg, Margel, Teiffental, Biel und Balmi. Die steil ansteigende Strasse mit den vielen Ausweichstellen, die einwandfrei unterhalten ist, führt zuerst durch den Wald und erreicht dann die offenen Axalp-Gebiete Totzweg, Bellevue und das Sporthotel Axalp (1535 m), wo sie endet; der Höhenunterschied zum See beträgt etwa 1000 m.
 
Wir stellten unseren Prius beim Hotel Bellevue (1558 m) ab und erkundeten die Alp zu Fuss bis hinauf zum Kurhaus, wofür 15 Minuten genügen. Auf dieser leicht abgeschrägten Alp stehen alle Attribute herum, wie sie zu einem beliebten Skigebiet gehören: 3 Bügellifte zur Windegg am Fuss des Tschingels, 1 Dreier-Sesselbahn und 2 Kinderlifte. Ein aus Holz geschnitzter Bergwanderer nach Brienzer Art war der einzige Tourist, den wir sahen. Den Aufstieg zum Litschentellti (Lütschentällti, 1854 m, am Eingang zu einem kleinen Lütschental, das mit dem gleichnamigen Tal zwischen Interlaken und Grindelwald nur den Namen gemeinsam hat) schafften wir nach der 7-Stunden-Wanderung am Ballenberg auch aus zeitlichen Gründen nicht mehr.
 
Wegen des Dunsts war die Seesicht nicht über jeden Zweifel erhaben, doch Tschingel (2244 m), Axalphorn (2321 m) und Oltschiburg (2234 m) mit den gewundenen Gesteinsschichten bildeten eine majestätische Kulisse, nachdem dunkle Wolken gerade weitergezogen waren.
 
Die Waldgrenze verläuft erst oberhalb der Axalp. Tannen, aber auch riesige Bergahornbäume markieren das Gelände der Alp, die zudem von vielen älteren und neuen Châletbauten und der dazu gehörenden Infrastruktur gezeichnet ist. Der „Kiosk Axalp“ war noch offen. Dort fanden wir einen delikaten Ziegenkäse, der noch nie tiefer unten gewesen sei, wie der stämmige und gesprächige Inhaber, der auch das „Bärghuus“ betreibt, versicherte. Er lobte die saftigen Kräuter und auch das weiche Wasser hier oben (7,6 französische Härtegrade), das allerdings wenig Tiefgang habe und dessen Menge von der Witterung abhänge.
 
Tiefgang hat immerhin das Haslital (Region „Brienz‒Meiringen‒Hasliberg“, neu: „Haslital. Berner Oberland“), zu dem die Axalp geografisch gehört. Und ins Tal hinunter fuhren wir beim Einnachten wieder, zum Hotel bei den Giessbachfällen, die eine Verbindung zum Axalpgebiet schaffen. Von diesem und seiner Umgebung beziehen sie das Wasser. 
 
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